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Against actual existing neoliberalism! (Policing Crowds)



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Books, 2008

Das Elend der Universitäten - Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik

Es ist ein Elend und es wird auch nicht besser: Lage und Zustand der Universitäten, der Bildung allgemein in diesem Land. Sozusagen zum - und das wollen wir nun doch in den Sprachgebrauch aufgenommen wissen - maxliebermannen. So haben wir zur Feder gegriffen.


Jens Sambale, Volker Eick, Heike Walk (2008)
Tielbild: Das Elend der Universität - Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik (klicken zum Vergrößern)

Ein Elend – und seine Dimensionen. Zu diesem Band

 

Heike Walk, Jens Sambale, Volker Eick

 
Die Protagonisten ökonomischer Steuerungsmodelle befinden sich auf einem rasanten Eroberungszug quer durch alle bisher noch nicht-ökonomisierten Felder. Nachdem die Wohlfahrtsverbände durch ihre leitenden Managers of misery und angeleitet durch die Bertelsmann-Stiftung (vgl. Dahme et al. 2005; Wernicke/Bultmann 2007), die Goethe-Institute durch die damalige rot-grüne Bundesregierung und auch die Vielzahl von Vereinen (im Sozial-, Beschäftigungsförderungs- und Kulturbereich) als Unternehmen mit strategischem Management versehen und dem Ziel der Effizienzsteigerung untergeordnet wurden, ist es auf den ersten Blick nicht verwunderlich, dass nun auch die Universitäten in einem beispiellosen »Reform-Radau«, wie die WirtschaftsWoche (Große-Halbuer 2007: 38) süffisant schreibt, zu Unternehmen umstrukturiert werden. Dieser Umstrukturierungsprozess der Universitäten gewann in den letzten Jahren eine enorme Dynamik, die vor allem auf die Erklärung von Bologna zurückzuführen ist.[1] In dieser Erklärung verpflichteten sich die Bildungsminister aus 29 europäischen Staaten, ein System leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse zu schaffen. Damit einher geht eine extreme Marktorientierung der Lehre sowie eine verstärkte Ausrichtung der Forschung an ökonomischen Kalkülen, die das bundesdeutsche Hochschulwesen einschneidend verändern werden. ProfessorInnen werden mithilfe leistungsorientierter Mittelverteilung dazu gedrängt, Profite zu erwirtschaften. Was im positiven Sinne als das Ende professoraler Herrlichkeit erscheinen könnte, führt in der Realität zu einer unangenehmen Punktejägerei und könnte in Zukunft eher simpl(ifizierend)e Erfüllungsgehilfen marktwirtschaftlicher Interessen als unabhängige und wissensbegierige Forscherinnen und Forscher hervorbringen.
Nach den Staaten und Kommunen – angeleitet durch die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und, erneut, die Bertelsmann-Stiftung – agieren nun also auch die Universitäten als Standort-Konkurrenten und treffen ihre Entscheidungen einzelwirtschaftlich-rational mit dem Ziel, privat nutzbare und auf dem Markt veräußerbare Waren und Dienstleistungen zu produzieren (die Berliner Universitäten gaben unlängst ein Schauspiel solcher Konkurrenzkämpfe bei ihrem Kampf um die Anerkennung als ›Elite-Universität‹). Die Studentinnen und Studenten werden zu Kunden, die für ihre Dienstleistungen bezahlen. Wenn nun die Universität zum Unternehmen umstrukturiert wird, so wird ihr oberstes Ziel, Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen und Profit zu erzielen. Was aber verkauft sich gut in der Wissenschaft? Wer bestimmt den Inhalt der Forschung und Lehre nach gewinnorientierten Maßstäben? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht einfach. Gewiss aber ist, dass die kritische Wissenschaft, mithin auch Teile der Grundlagenforschung sowie marginalisierte Themen in einem solchen System kaum Chancen haben.
Dabei ist die Geschichtslosigkeit der Protagonisten dieser Ökonomisierungsstrategien beispielhaft. Schon vor 50 Jahren, so schreibt Elmar Altvater in seinem Beitrag, kritisierte Karl Polany die Geschichtslosigkeit der bürgerlichen Ökonomie, die nicht nur imperiale Formen der Machtentfaltung ebenso wie die sozialen Verwerfungen und die Zerstörung demokratischer Strukturen negiert, sondern auch die Endpunkte der Konkurrenz auf den Märkten nicht sehen will. Das Streben nach Konkurrenzfähigkeit »löst ein regelrechtes Rattenrennen, einen ›Wettlauf der Besessenen‹ aus. Auf dem Siegertreppchen stehen nur Wenige, viele landen während der Rallye im Straßengraben und können sich nur schwer, einige nie erholen« (Altvater in diesem Band).

Von Leuchttürmen und anderen Exzellenzen


»Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen«
(Gustave Flaubert an Iwan Turgenjew, 1873).


 
War einstmals im wissenschaftlichen Diskurs vom Elfenbeinturm die Rede, so sollen zukünftig vor allem Leuchttürme am deutschen Wissenschaftshorizont blinken. Diese Leuchttürme sollen Höchstleistungen erbringen, zur Entbürokratisierung beitragen sowie zu einem neuen Wissenschaftsverständnis überleiten, welches mit der Humboldtschen Idee nichts mehr gemeinsam hat. Die Kriterien, die zur Leuchtturmetikettierung bzw. zum Ehrentitel ›Eliteuniversität‹ führen, »haben nichts mehr mit kritischem Denken oder eigenwilliger Kreativität zu tun, sondern eher mit Zugehörigkeit zu internationalen Zitierkartellen und der verinnerlichten Bereitschaft, sich deren ›Zunftordnungen‹ anzupassen« (Keupp 2007: 1192f, Hervorh. im Orig.).

Die komplette Einleitung folgt, sobald wir die Fahnen an den Verlag gesendet haben!